• Korea

Kolumne Stefan Schwarz Folge 1: Lob der späten Schönheit

Kolumne von Stefan Schwarz. Folge 1

Wenn Vati spät von der Arbeit kommt, ist das Haus voll mit der lärmenden Stillgruppe. Ein halbes Dutzend ischiasgeplagter Tragetuchmütter plaudert sich Fencheltee schlürfend durch die Küche und schüttelt und beklopft die sabbernden Pausbäckchen auf ihren Armen, die noch nicht ahnen, mit welchen wundersamen Namen sie durchs Leben kommen müssen.

Trischa, Miranola und Bette-Berit sind keine Markenhaushaltsgeräte, mittelalterliche Instrumente oder Vitaminmangelkrankheiten, sondern liebreizende Wuschelchen, die schon länger das Köpfchen heben können als ihre Opas und in guten Nächten anderthalb Stunden durchschlafen. „Trotzdem“, sagte meine Frau als wieder Ruhe eingekehrt war (der sonst so geräuschvolle Großsohn und Stammhalter bildet seit dem Geburtstag mit dem langersehnten Gameboy eine Art bioelektrisches, aber tonloses Gesamtmodul), „unser Baby ist doch das schönste.“

„Alle Mütter finden ihr Baby am schönsten“, erwiderte ich etwas hirntot, während ich die Post nach frischen Rechnungen, die noch ein bisschen liegen mussten, und überreifen Mahnungen sortierte. „Findest du denn unser Baby nicht schön?“, fragte meine Frau und blickte noch einmal zur Vergewisserung auf das Töchterchen, das auf dem Schoß friedlich ein Kuscheltier einspeichelte. „Ich finde unsere Tochter sieht ein bisschen aus wie der ehemalige Berliner Tierparkdirektor Dr. D. Dathe. Wenn sie lacht, ähnelt sie allerdings eher dem früheren WDR-Intendanten Friedrich Nowottny“, antwortete ich ehrlich, aber eine ehrliche Antwort war dieses Mal nicht erwünscht. „Wir kannst du nur so etwas Herzloses sagen?“, klagte die Kindesmutter verletzt, „ich sollte wirklich einen Bluttest machen lassen.“

„Ich liebe unser Baby!“, beteuerte ich. „Aber es hat etwa fünf dünne Haare auf dem Kopf, und wer etwa fünf dünne Haare auf dem Kopf hat, kann nicht unvoreingenommen als…“ Die Madonna mit dem Kinde verließ den Raum.
Deshalb kam ich nicht dazu zu sagen, was ich eigentlich noch sagen wollte. Und es war dies: Wer jemals auf einem Klassentreffen war, weiß, dass Schönheit vergeht. Das ist auch völlig korrekt, denn was gibt es Versöhnlicheres als das klammheimliche Aufatmen, wenn die Klassenschönste von einst heuer als sonnenbanktrockener Stockfisch oder von allzu viel Cremelikör am Eigenheimkamin zur Mondlaterne umphysiognomiert an der Tafel erscheint. Und so was hätten wir vor zwanzig Jahren auf Händen getragen, denken wir grinsend.

Aber jeder, der jemals auf einem Klassentreffen war, kennt auch den umgekehrten Fall. Schönheit vergeht nämlich nicht nur, Schönheit kommt auch. Ich wusste schließlich auch nicht, als ich seinerzeit mehr mit dem Herzen als mit dem Moped raste und sich manch hübsches Fräulein in meinem Plattenbauzimmer rekelte, dass nur ein paar hundert Kilometer weiter hinten am Zonenrand ein Mädchen sich die rechteckig geschnittene Brille an die Nasenwurzel schob, sich das aus Kostengründen kurz geschnittene Haar raufte und über Logorithmen büffelte – ich wusste nicht, dass ich diesem Mädchen zehn lange Jahre meines Lebens nachlaufen würde, den gesamten Rilke auswendig lernen und Floristik im Nebenfach studieren würde und blanke Stellen an den Hosentaschen haben sollte, wegen des allzu häufigen Feuchte-Hände-Abwischens, wann immer ich sie sah.

P.S. Außerdem wollte ich zum Lobe unseres Babys noch sagen, dass Friedrich Nowottny, glaube ich, nicht so lustig gluckst, wenn man ihn hochwirft.

Stefan Schwarz ist Journalist, Autor, Ehemann und lebt mit Frau, Kindern und Katze in Leipzig. 2016 ist bei Rowohlt Verlag seit neuester Roman „Oberkante Unterlippe“ erschienen.