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Stefan Schwarz: Der Haustier-Frieden

In der Familie unseres Kolumnisten gibt es Nachwuchs! Kaninchen Thomas ist eingezogen. Doch schnell stellt sich heraus: Irgendetwas stimmt mit dem Fellknäuel ganz und gar nicht…

Ich komme ja viel rum. Ich würde sogar sagen, mein Erwerbsleben gleicht rumkommensmäßig einem immerwährenden Präsidentenwahlkampf. Ich spreche wöchentlich mit mehr Menschen über ihre Probleme als Sigmund Freud in seinem ganzen Leben und wenn ich von alledem nicht so erschöpft wäre, würde mir sogar noch ein dritter Vergleich einfallen. Aber das Journalistenleben hat auch seine positiven Seiten. Stichwort Korruption. Sie glauben nicht, wie oft ich schon irgendwo umsonst gesessen habe oder Geisterbahn gefahren bin. Geht alles aufs Haus! Einmal aber erwirkte ein Großtiermarkt mein journalistisches Wohlwollen mit einem weißen Zwergkaninchen. Ich dachte: Da wird mein liebes Kind aber Augen machen, wenn ich so mitten in der Woche nach Hause komme und ein putziges Albinokaninchen aus der Jacke zaubere. Tatsächlich war der Kronsohn wegen des Häschens völlig aus dem Häuschen. „Ein Häschen nur für mich? Papa – du bist der Allergrößte!“ So werden Väter ja sonst nur geherzt, wenn sie aus dem Krieg heimkehren.

„Aber Papa, guck mal, das Häschen haart ja meinen ganzen Pullover voll!“ Das Häschen haarte nicht nur, es kratzte auch noch und machte nachts „Geräusche“. Zwei Tage später stand der Käfig des Tieres, das meinem Sohn Verantwortungsgefühl und die Liebe zur Kreatur lehren sollte, im Flur. Zwei Wochen später stand meine Frau im Arbeitszimmer (Lebensqualität ist Gesundheit plus eigenes Arbeitszimmer) und sagte: Der Hase hat was am Kopp! Und zwar eine Eiterbeule. Wir fuhren zum Tierarzt, wo nur noch ein Rottweiler aufs Entwurmen wartete und sich angesichts der unvermutet eingetroffenen „Brotzeit“ um den Verstand bellte. Der Veterinär diagnostizierte beim Hasen eine Zahnwurzelentzündung und eröffnete uns, dass mit einigen riskanten, wöchentlich zu widerholenden Operationen à 50 Euro am offenen Häschen die Überlebenschance des putzigen Hausgenossen auf wenigstens dreißig Prozent erhöht werden könnte.
Nun, meine Eltern entstammen dem nutzwertorientierten Weltbild der mittelbäuerlichen Landwirtschaft und so entfuhr es mir: „Doktor, da machense das Vieh mal besser tot und dann hat sich’s!“ Ich sah meine Frau an, in deren Augen und Entschlossenheit des Flight Commanders von Apollo 13 hervorblitzte und die mir zu verstehen gab: „Wir haben noch nie einen Mann im All verloren und auch dieses schwerkranke Albinokaninchen werden wir nicht verlieren.“

Ich malte meiner Frau auf der Heimfahrt den urszenischen Schrecken des Kindes aus, wenn es eines Morgens den Mümmelmann mit verleierten Augen und im Todeskampf erstarrt am Fressnapf fände, aber umsonst. Schon nach wenigen Monaten ging mir die allmorgendliche und allabendliche Wundversorgung mit Skalpell und Spritze leicht von der Hand, dass ich nachts auch nicht mehr so zerschlagen war, wenn der Streckverband am Häschenkopf um eins und um vier erneuert werden musste. Mittlerweile sind wir sogar Freunde geworden und das Häschen mit dem faden Namen Thomas (mein Sohn fand, es gäbe keinen besseren als diesen) darf abends mit auf dem Sofa sitzen, kiloweise weiße Haarflusen auswabern und ferngucken. Und wenn meine Frau mal kurz aus dem Zimmer ist, schalte ich um: „… der Unterkiefer der Python lässt sich problemlos aushaken und so kann sie auch dieses Kaninchen vollständig in sich hineinwürgen.“ Dann ist Thomas total fertig und wenn meine Frau wiederkehrt, tue ich so, als hätten wir die ganze Zeit Bücherjournal geguckt.

Stefan Schwarz ist Journalist, Autor, Ehemann und lebt mit Frau, Kindern und Katze in Leipzig. Seine satirischen Alltagsbetrachtungen sind in Büchern wie "War das jetzt schon Sex?", "Die Kunst, als Mann beachtet zu werden" oder "Ich höre dir zu, Schatz" im Berliner Seitenstraßen-Verlag erschienen. Mehr Infos zum Autor und seinen Veröffentlichungen gibt es hier.