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Stefan Schwarz: Der Heimweg als Martyrium

Wenn ich eines Tages vom Familienministerium gebeten würde, einen Test über die Fähigkeit zur Kinderaufzucht bei, sagen wir, Akademikerinnen um die Dreißig zu entwickeln, würde er so aussehen: Binden Sie sich mal die Füße zusammen, so dass Sie nur noch Trippelschritte machen können, und nehmen Sie in die eine Hand, auch wenn das kaum zu greifen ist, einen kleinen Rucksack, eine lebensgroße Sonnenblume aus Holz, zwei wichtige Tuschkrakelbilder und eine Trinkflasche, und dann knicken Sie auf der einen Seite seitwärts ab, so dass Ihre freie Hand ungefähr einen halben Meter über dem Boden ist. Bleiben Sie in dieser Haltung fixiert und gehen Sie, nein trippeln Sie wenigstens eine Dreiviertelstunde, währenddessen Sie alle zwei Minuten eine Minute in dieser abgeknickten Position stehenbleiben…

An dieser Stelle können alle Orthopäden vor Tränen nicht mehr weiterlesen und selbst hartgesottene Physiotherapeutinnen müssen jetzt erst mal ans offene Fenster und ein bisschen durchatmen. Diese orientalisch anmutende Schultergelenks-, Bandscheiben- und Kreuzbandfolter, die den ganzen Stützapparat des Menschen knirschend auseinanderbricht, ist aber nichts anderes als der Heimweg mit einem Kleinkind an der Hand vom Kindergarten nach Hause. Der Heimweg mit Kleinkind zählt zu den absoluten Herausforderungen der Elternschaft und rückt Grimmsche Hänsel-und-Gretel-Fiesheiten à la  „wurden im Walde zurückgelassen…“ in die Nähe einer erwägenswerten Option.

Haben Sie schon immer mal wissen wollen, ob Sie beschattet werden? Gehen Sie einfach mal mit einem Zweijährigen durchs Stadtviertel, wenn Gänseblümchen und Löwenzahn in unübersehbarer Zahl zum Ausreißen auf den Wiesen stehen und Gehäuseschnecken mit verblüffend anstupsbaren Fühlern übers Pflaster schleimen, wenn glitzernde Kronkorken und silbrige Zigarettenpapierreste einzig zu Sammelzwecken ausgestreut scheinen.Wenn überhaupt eigentlich jeder etwas größere Kiesel eine derart ungewöhnliche Form hat, dass er gar nicht genug bestaunt werden kann, wenn eine tote Hummel am Rasenstein mit einem Stock gewendet und auf ihr tatsächliches Totsein überprüft werden muss und derselbe Stock phantastischerweise auch noch Klickerklackerbingbangbeng-Musik am Gitterzaun macht.

Sie müssen gar nicht um sich äugen, ob irgendein verdächtiges Subjekt folgt, Sie müssen nur warten, bis irgendwann nach ein paar hoffnungsfroh gelaufenen Metern das Kleinkind zum 483. Mal stehen bleibt, etwa, um zwei niedliche Feuerwanzen beim putzigen Liebespiel zu beobachten und hinter Ihnen ein Mann in unpassender Regenkleidung eine 45er Magnum aus der Achsel holt, dem Fratz an die Stirn hält und heiser brüllt: „Schluss jetzt mit den Faxen!! Hier gibt es nix zu glotzen!! Mach, dass du vorankommst!!! Und zwar dalli!!“
Das Wundervolle an diesem Vorfall aber ist nicht, dass Sie jetzt, wo Ihr Knirps verdutzt auf die Mündung der Riesenwumme schielt, endlich wissen, dass Sie überwacht werden, sondern, dass um Sie herum ein paar Dutzend Erwachsene neben ihren Kleinkindern stehenbleiben und Beifall klatschen oder „Bravo!“ rufen.

Stefan Schwarz ist Journalist, Autor, Ehemann und lebt mit Frau, Kindern und Katze in Leipzig. Seine satirischen Alltagsbetrachtungen sind in Büchern wie "War das jetzt schon Sex?", "Die Kunst, als Mann beachtet zu werden" oder "Ich höre dir zu, Schatz" im Berliner Seitenstraßen-Verlag erschienen. Mehr Infos zum Autor und seinen Veröffentlichungen gibt es hier.