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Stefan Schwarz: Krabbelnde Hanteln

Mit der Fantasie der Kinder ist es nicht so weit her. Das muss leider mal gesagt werden. Jaja, ich weiß, dass viele Menschen Kinder für Sprudelquellen kunterbunter Ideen halten, aber das können nur Menschen glauben, sie entweder keine Kinder persönlich kennen oder Kinder mit was verwechseln und jetzt bloß nicht auf den Namen von dem Zeug kommen.

Ich jedenfalls spielte meiner riechbar vollgekackten Klein-Tochter ein Handpuppenballett mit der Prinzessin und dem Polizisten vor, als der Stammhalter hinzukam und mitmachen wollte. Sein Vorschlag: „Erst kommen das Krokodil und der Teufel und verkloppen die Prinzessin und den Polizisten, und dann entführt der Teufel die Prinzessin.“ So was ist nun Bonussänger im Schulchor! Ich defibrillierte mühsam den zusammengebrochenen Waldorf-Pädagogen in mir und ergänzte mit zähneknirschender Milde: „Fein, Fein, da ist schon sehr viel Schönes dabei, aber wie wär’s, es stellt sich nun heraus, dass der Teufel eine japanische Karateprinzessin entführt hat, die ihm plötzlich ein Teufelshorn abhanden-kantet , um sich daraus einen Flaschenöffnergriff zu basteln. Jetzt wiederum wird der Teufel vom Polizisten gejagt, weil der ihn für das letzte Einhorn hält…“

Super Plot! Überraschend! Witzig! Absolut spielbar! Keine großen Monologe oder sympathische Tanzeinlagen, vor denen Kinder zurückschrecken! Aber mein Sohn warf sich in die für solche Zwecke bereitstehende Kuschelecke und schrie: „Nein, das will ich nicht spielen. Ich will das spielen, wo die sich immer verkloppen!“

Ich erhob mich brüsk, warf die Puppen in die Kiste, hob die Hände zum Himmel und beklagte lauthals, dass mich der familiäre Umgang mit meinem Nachwuchs unbefriedigt lasse und es zu befürchten sein, dass am Ende meiner Tage der künstlerische Staffelstab ins Leere gereicht werde. „Wozu dann aber Kinder?“, fragte ich das Schicksal. Die Antwort erfolgte prompt. Unter gellendem Geschrei reckten sich zwei kleine Wurstarme an meinem Knie hoch. Ich beugte mich seufzend. Nun ja, meine Klein-Tochter wohnt quasi auf meinem Arm. Der geistigen Schwächung durch Kinder steht nämlich ein körperlicher Trainingseffekt gegenüber, der es in sich hat. Ärzte sollten überhaupt beim Kinderwunsch nicht den Unterleib der angehenden Mutter aushorchen, sondern den Bizeps des Möchtegernvaters messen. (Ein Problem mehr im schrumpfenden Deutschland: „Wir können keine Kinder haben. Mein Mann ist zu schlapp!“)

Wer sich im Body-Building ein bisschen auskennt, weiß, dass man mit einem Gewicht von zehn Kilogramm bei guter Gesundheit einarmig etwa 50 Wiederholungen machen kann und sich dann ein wenig ausruhen sollte. Vielleicht an die Bar gehen, einen Protein-Shake schlürfen und so. Aber das Body-Building würde sicher an Beliebtheit einbüßen, wenn einem das 10-Kilogramm-Gewicht ständig hinterhergekrabbelt käme und so lange herumplärren würde, bis man es wieder hochnähme. Ich komme allerdings schon am Vormittag auf 500 Wiederholungen ohne Pause. Body-Building verhält sich deshalb zum Baby-Training wie Klöppeln zum Iron-Man-Triathlon.

Egal, ob bei der Post, beim Ökowucherer oder im Tierpark, stets wackle ich, seitwärts beschwert wie ein Hüftkranker, mit meinem anhänglichen Wonneproppen durch die Botanik. In wenigen Monaten wird mein Bizeps Oberschenkelumfang erreicht haben und ich werde meine Hemdärmel aufschneiden müssen, um noch hineinzugelangen… „Na, wie war euer erster gemeinsamer Tag?“, fragte meine ins Arbeitsleben zurückgekehrte Frau, als sie heimkam. „Nimm sie mal kurz“, sagte ich und reichte ihr das freudig zappelnde Kind.

Stefan Schwarz ist Journalist, Autor, Ehemann und lebt mit Frau, Kindern und Katze in Leipzig. Seine satirischen Alltagsbetrachtungen sind in Büchern wie "War das jetzt schon Sex?", "Die Kunst, als Mann beachtet zu werden" oder "Ich höre dir zu, Schatz" im Berliner Seitenstraßen-Verlag erschienen. Mehr Infos zum Autor und seinen Veröffentlichungen gibt es hier.